Wo Weinfest drauf steht, ist auch Weinfest drin

Von Sabine Friedrich (Heilbronner Stimme, 21. August 2010)

Erlenbach - Feierlicher Glockenklang von der St. Martinuskirche, abgelöst von krachenden Böllerschüssen des Gellmersbacher Schützenvereins, dazu der Festmarsch des örtlichen Orchesters – das ist die Begleitmusik zur Eröffnung des 34. Original Erlenbacher Weinfests am Freitagabend.
„Lebensfreude pur steht auf dem Programm“, verspricht der neue Bürgermeister Uwe Mosthaf, der auch Bundes- und Landespolitiker sowie eine Reihe von Amtskollegen begrüßt. Zusammen mit dem Vorsitzenden des Musikvereins Erlenbach, Klaus Varga, nimmt der Schultes einen Schluck aus dem Römer.
„Leichte Nervosität“ hat Mosthaf vor seiner Premiere verspürt. Es sei natürlich eine Ehre, „eines der schönsten Weinfeste weit und breit“ zu eröffnen. „Der halbe Ort zieht für dieses Fest gemeinsam an einem Strang“, lobt der 35-Jährige in seiner Rede den großen Einsatz der Helfer. Auf 250 schätzt Varga die Zahl derer, die beim Ausschank an den Ständen der Vereine, in der Küche oder beim Spülen im Einsatz sind. Dazu kommen rund 120 Frauen, die für die leckeren Zwiebel- und Petersilienkuchen aus den beiden Backhäusern unermüdlich schnippeln, hacken und Teig auswellen.
„Wo Erlenbacher Weinfest drauf steht, ist auch Erlenbacher Weinfest drin“, nennt Varga das Markenzeichen der Veranstaltung, die an den vier Tagen (Samstag ab 11 Uhr, Sonntag ab 10 Uhr) zehntausende Besucher aus nah und fern anlockt. Der Musiker-Chef meint damit nicht nur die 120 verschiedenen Weine und Sekte, sondern das kulinarische und musikalische Angebot sowie das Ambiente in den engen Gassen.

Eröffnung

Premiere für Bürgermeister Uwe Mosthaf: Leichte Nervosität vor der Eröffnung (Foto: Andreas Veigel)

Eröffnung


(Foto: Andreas Veigel)



Es hat sich ausgeheult

Von Sabine Friedrich (Heilbronner Stimme, 23. August 2010)

Morgens um 11 Uhr im Hof von Inge Keicher in der Kirchgasse in Erlenbach, gegenüber dem oberen Backhaus. An zwei riesigen Tischen sitzen zwei Dutzend fleißige Frauen und ein Mann. Schon seit eineinhalb Stunden sind sie wie die Kolleginnen vom unteren Backhaus dabei, kistenweise Petersilie zu zupfen, zu wässern und säckeweise Gemüsezwiebeln zu schälen. Die Zwiebeln für die berühmten Kuchen für das Weinfest – mit der Produktion sind 120 Helferinnen betraut – werden dann maschinell gehackt. „Dafür haben wir Lydia“, zeigt Hedwig Varga auf das Gerät. Das teure Stück hat sich der Musikverein erst vor zwei Jahren geleistet. „Wir waren billiger“, erinnert Varga scherzend an die Zeiten, als auch das noch Handarbeit gewesen ist.
Ein beißender Zwiebeldampf treibt einem die Tränen in die Augen. „Wir haben uns ausgeheult“, versichert Mesnerin Heidi Harst. Gelächter! „Wenn man hinterher Peterling putzt, dann stinkt man nicht mehr nach Zwiebeln“, verrät Elfriede Englberger das einfache Gegenmittel. „Das ist eine schöne Arbeit. Das machen wir gern. Es geht ja darum, den Ort zu präsentieren“, beschreibt Rosemarie Faustmann die Motivation. „Die Frauen sind so eisern, die sitzen vier Tage da von morgens bis abends“, lobt Varga, Zwiebelfrau der ersten Stunde. Und noch amtierende Zwiebelkönigin. Was hat ihr der Titel eingebracht? „Einen Haufen G’schäft“, antwortet Hedwig Varga schlagfertig. „33 Jahre hartes Schaffen. Den Titel muss man sich verdienen.“ Wieder Gelächter!
Backfrauen

Zwiebelfrauen Helferinnen sind längst immun gegen scharfes Gemüse. (Foto: Andreas Veigel)



Weinvolk singt und swingt

Von Sabine Friedrich (Heilbronner Stimme, 24. August 2010)

In der einbrechenden Dämmerung gehen die bunten Lichterketten an. Das idyllische Ambiente auf dem Marktplatz und den Gassen rund ums Rathaus wird angefüllt mit einem Hauch von Romantik. In der Dunkelheit verschwimmt die Menschenmasse, die sich am Samstagabend durchs Original Erlenbacher Weinfest drängt, in ein silhouettenhaftes Meer aus Köpfen. „Erlenbach ist klasse“, schallt der Slogan aus dem „We-will-rock-you“-Jingle des Biberacher Musikvereins durch die laue Sommernacht.
Familiär Besucher aus nah und fern: Das ist schnell mal dahingeschrieben. Beim größten Weinfest im Landkreis Heilbronn braucht man nicht lange nach den Fernen zu suchen. Michelle Senghas reist seit vier Jahren aus Kapstadt unter den Kayberg an. Natürlich gibt es in der Heimat der Südafrikanerin auch edlen Wein. „Aber nicht ein solches Fest“, sagt die 33-Jährige mit deutschen Wurzeln. „Man kommt sehr viel mit Leuten ins Gespräch“, gefällt es ihr hier. Die Stimmung, die ganz anders sei als etwa beim Münchner Oktoberfest, rühmt der Passauer Franz Glasl. „Das Umfeld ist top. So was findet man selten. Die Leute machen alles noch selbst. Alles ist familiär“, beschreibt Karl Schmiederer aus Ruhpolding, seit sieben Jahren Stammgast in Erlenbach, seine Eindrücke. Und dann erwähnt er noch eine bayerische Blaskapelle aus der Vergangenheit. „Das war damals ein Highlight“, verleugnet er seinen Patriotismus nicht.
Die 15 Orchester, die in diesem Jahr die vier Tage mit der richtigen Begleitmusik erfüllen, müssen den Vergleich nicht scheuen. Sie wissen, was beim feiernden Weinvolk ankommt: Schunkellieder, dazwischen ein Marsch oder eine Polka, Schlager-Oldies und Partyhits. Diese bunte Mischung hat auch der Musikverein Heilbronn-Biberach im Gepäck, bei einem Weinfest in Neckarsulm von den Erlenbachern entdeckt. Am Samstagabend bestreitet die Kapelle zum dritten Mal den Hauptact auf dem Marktplatz.
„Wir nehmen das äußerst positiv wahr, die Nähe zum Publikum, das mitsingt und mitswingt. Das tut den Musikern gut. Wir fühlen uns wohl“, ist Vorsitzender Bernd Pfitzenmaier stolz auf dieses Engagement. Rund um den Brunnen stehen Männer und Frauen auf den Bänken. Die Kapelle packt das Lasso aus. Wer die Choreografie nicht kennt, schaut sie bei den jungen Musikerinnen ab. Das ist Show pur. Ein Animationshit jagt den nächsten, Kondition ist gefragt. Etwa 70 Titel präsentieren die Biberacher fast nonstop.
Schlangen Das Verkaufspersonal an den Ständen ist vielbeschäftigt. Dennoch bleibt Zeit, mitzufeiern. „Wir tanzen zwischendurch auch mal“, erzählt Magdalena Zbick am Sektstand. Carolin Mühleck bindet sich am Kuchenstand gerade die Schürze um. Vor dem Häuschen wächst die Schlange. „Ich hoffe, die Leute sind heute so geduldig wie sonst auch.“ Schon trifft die nächste Fuhre Zwiebel- und Peterlingkuchen ein. Im 20-Minuten-Takt schießen die Helfer in den beiden Backhäusern diese Erlenbacher Spezialitäten ein. Bei ihrer Stippvisite wirft die Württembergische Weinkönigin Juliane Nägele aus Hessigheim auch einen Blick in den Ofen.
Stimmung auch im Weinstand

Tausende Besucher strömen zum Genießen unter den Kayberg. (Foto: Andreas Veigel)


Stimmung auch im Weinstand

Die Württembergische Weinkönigin Juliane Nägele aus Hessigheim. (Foto: Andreas Veigel)



Kinder sorgen für Abwechslung

Von Ute Plückthun (Heilbronner Stimme, 24. August 2010)

Gaudi und Gemütlichkeit standen am vierten und letzten Tag des 34. Erlenbacher Weinfestes auf dem Programm. Beim Buttenlauf, der in diesem Jahr nicht nur von Kindern genutzt wurde, und beim Seniorennachmittag mit verbilligten Preisen kamen Jung und Alt auf ihre Kosten.
Pünktlich zu Beginn füllen sich die gut beschatteten Partybänke auf dem Marktplatz. Einen beschirmten Stehplatz in erster Reihe hat sich Dieter Keicher gesichert. Während Ehefrau Brigitte am oberen Backhäusle mit der Zwiebelkuchen-Vorbereitung beschäftigt ist, hofft der Rentner, ehemalige Arbeitskollegen zu treffen. Er kommt jeden Tag zum Weinfest: „Als Erlenbacher gehört das zur Tradition“, versichert er.
Gemütlichkeit „Schon immer“ besuchen Ingeborg Schoch und ihr Mann Heinz aus Neckarsulm das Weinfest. Die Gemütlichkeit, das vielseitige Speisenangebot und die Musik gefällt ihnen besonders, am Abschlusstag zudem die „schöne Abwechslung durch die Kinder“. Die lassen sich bei strahlendem Sonnenschein erwartungsfroh von Feuerwehrmann Sebastian Schneider und Jugendfeuerwehrmann Lars Haberkern die Kinderbutten füllen.
„Als Spaß zur Auflockerung des Festes“ versteht Eberhard Keicher den Buttenlauf. „Bei uns gibt es keine Verlierer – nur erste, zweite und dritte Gewinner“, betont der Senioren- und Ehrenvorstand des ausrichtenden Musikvereins. Immer zu dritt, manchmal auch zu zweit treten die Kinder gegeneinander an. Mit altersgerecht gefüllten Kinderbutten auf dem Rücken. „Weil es Spaß macht“, beteiligt sich Jasmin Kneschke. Die 13-Jährige ist schon fünfmal vom Marktplatz aus die Klingenstraße bis zur Kreuzung und wieder zurück gerannt und jedes Mal Erste geworden.
Moritz Rank (10) und sein Freund David Kern (11) sind ebenfalls flott unterwegs. Es spritzt und platscht, dass nicht nur die Läufer selbst nass werden. „Bitte die Bahn freimachen“, fordert Keicher auf. Zu spät für manchen, der mitten über die Klingengasse läuft. Von den schnellen Jungen ist der Verantwortliche rundweg begeistert: „Die gehen später mal den Kayberg rauf.“
Jüngster Läufer ist der vierjährige Renaux aus Stuttgart. „Hauptsache, keiner hat sich weh getan“, sagt seine Mutter Tina zufrieden. Sie hat als gebürtige Erlenbacherin den Lauf „selbst schon gemacht, als ich Kind war“. Im Eifer des Gefechts stürzt Mitläufer Dennis Keicher gleich zweimal. „Hat nicht wehgetan“, versichert der fünfjährige Gewinner.
Hatte Organisator Keicher zu Beginn noch bedauert, dass nur Kinder den Buttenlauf wagen, belehrten ihn drei Hornspielerinnen des Vereins eines besseren: Sigrid Iwanitzky, Sabine Hornung und Beate Verga lassen sich die Erwachsenenbutte füllen: zunächst zur Hälfte, nach Protesten zu einem Drittel. „Wir haben das seit einem Jahr geplant, jetzt können wir nicht kneifen“, sagt Sigrid Iwanitzky. Ihr Einsatz hat Vorbildcharakter: Wolfgang Schwager, Rolf Schadt, Heiko Eggers und Heinz Schild legen während des Laufs sogar eine Bierpause ein. Beim Publikum sorgen sie für Gelächter, als sie erst sich selbst, dann die Zuschauer nass spritzen.
Blasmusik Auch danach sitzen Hans Häfele und seine Gartennachbarin Emilie Mayer aus Kirchheim auf dem Fest. Mit Zug, Stadtbahn und Bus sind sie hergekommen und lauschen der Musik: Die wird traditionell vom Bad Friedrichshaller Seniorenblasorchester gestellt, das stets auch neue Mitglieder sucht. „Alter spielt bei uns keine Rolle, aber alle müssen Rentner sein“, sagt Saxophonist Kurt Bürker.
Seniorennachmittag

(Foto: Ute Plückthun)




Ein Zepter aus Petersilie

Von Werner Glanz (Heilbronner Stimme, 25. August 2010)

Das Festzelt auf dem Erlenbacher Weinfest ist am Montagabend zum Bersten voll und die Stimmung auf dem Siedepunkt. Unzählige Weinzähne tanzen zu den Rhythmen des Erlenbacher Musikvereins auf Tischen und Bänken. Würdevolle Ruhe kehrt kurzzeitig ein, als Punkt 23 Uhr Zeremonienmeister Willi Keicher mit dem Hofstaat von rund 20 Backfrauen feierlich Einzug hält. „Erna, Erna …“, ertönt es wenig später in Sprechchören: Gekrönt wird Erna Maier zur 34. Erlenbacher Zwiebelkönigin.
Huldigung Ihre Untertanen huldigen ihrer neuen Königin, das Volk lässt sie hochleben. Ein Jahr lang wird die seit über zwei Jahrzehnten im unteren Backhaus tätige Backfrau nun die Insignien der Macht tragen – die Krone und das Zepter aus Petersilie und Zwiebeln sowie den roten Samtumhang. Diese hatte die neue Regentin zuvor von ihrer Vorgängerin Hedwig Varga übernommen. Die habe, so Keicher, „ein Jahr lang charmant und temperamentvoll das obere Backhaus vertreten“.
Was vor 34 Jahren aus einer Laune heraus geboren wurde, hat sich inzwischen zu einem festen Ritual entwickelt. Am letzten Weinfesttag gehen am Nachmittag sechs bis acht Backfrauen in Otto Keichers Stube in Klausur. „Wir haben zusammen bei Samtrot, Muskateller und Gewürztraminer zweieinhalb Stunden getagt“, bestätigt Willi Keicher.
In diesem Jahr war die Wahl relativ einfach, viel Überredungskunst war nicht erforderlich. „Dennoch war laut Keicher „eine gewisse Spannung vorhanden“. Vorarbeit hatte der 50-Jährige allerdings bereits einen Tag zuvor im Backhaus geleistet. „Was ist heute mit dem los“, umschreibt süffisant lächelnd die königliche Hoheit Keichers Werben um ihre Zusage.
Dieser zitiert bei der Krönungszeremonie einen früheren Bericht in der Heilbronner Stimme, in dem zu lesen war: „Petrus muss ein Erlenbacher sein.“ Das größte Weinfest im Landkreis Heilbronn hatte in der Tat auch in diesem Jahr vier Tage lang wieder ideale Bedingungen. Und Keicher ergänzt: „Wir gehen sonntags eben in die Kirche.“
Er dankt seinen „Mädle“ für deren unermüdlichen Einsatz. Damit würden auch sie maßgeblich zum Gelingen des weit über die Grenzen hinaus bekannten Festes beitragen. Betreut werden die 120 Erlenbacher Backfrauen während der Festtage von Markus Kerner.
Regen Gestern, während des Abbaus, öffnet Petrus allerdings mehrmals die Himmelschleusen. Dennoch ließ es sich die Festgemeinde nicht nehmen, die neue Regentin am Abend im Audi-Cabrio zum Rathausplatz zu chauffieren. Dort wird sogleich die Weinfest-Fahne „Arbeit, Wein, Gesang“ eingeholt. Dazu spielt der Musikverein Erlenbach „Nun danket allen Gott“ und „’S ist Feierabend“.
Zwiebelkönigin

Erlenbach Erna Maier ist die 34. Zwiebelkönigin (Foto: Werner Glanz)




Erlenbacher Weinfest wurde auf den 2.Platz
 der beliebtesten Unterländer Feste gewählt

Heilbronner Stimme 17. September 2010 (von Bärbel Kistner)

Bewertung Unterländer Feste

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